Neue Zürcher Zeitung 22. Dezember 2014
Das Ensemble Pyramide im Kulturhaus Helferei Zürich
Klingende Nacht
Michelle Ziegler
Kurz vor der längsten Nacht des Jahres hat das Ensemble Pyramide in seinem zweiten Saisonkonzert das Phänomen der Nachtstücke in der Musik untersucht. Im Fokus standen das Notturno und das Nocturne. Eine Reise durch die Jahrhunderte brachte die grossen Unterschiede der unter diesem Titel publizierten Stücke zutage. Die Bezeichnungen Notturno und Nocturne bezogen sich im 18. Jahrhundert auf die Umstände und den Zweck einer Aufführung: das nächtliche Freiluftmusizieren. Dabei kamen mehrsätzige Kompositionen beliebiger Besetzung zur Aufführung, die dem Divertimento und der Serenade nahestanden. Im 19. Jahrhundert lösten sich die Notturni und Nocturnes vom Kontext der gefälligen Unterhaltung. Sie begannen sich nun stärker dem Thema der Nacht zuzuwenden und dieses in der Form von melancholischen, verträumten oder unheimlichen Stimmungen aufzunehmen. Mit einem besonderen Feingefühl für die verschiedenen Epochen gelang es dem Ensemble Pyramide im Kulturhaus Helferei, diese Vielfalt musikalisch wiederzugeben.
Aussenwelten
Die Freiluftmusik aus dem 18. Jahrhundert, die eine Klammer um das Programm des fast ausverkauften Konzerts bildete, versetzte einen in laue Sommernächte. Das Notturno in G-Dur des böhmischen Haydn-Zeitgenossen Johann Baptist Vanhal eröffnete in einer verspielten Manier, in der sich die Holzflöte Markus Brönnimanns wunderbar mit der warmen Oboe Barbara Tillmanns mischte. Daran schloss sich Joseph Haydns Notturno in C-Dur Hob. II:25 am Schluss des Abends an, das Brönnimann für Flöte, Oboe, Violine, Viola und Cello eingerichtet hat. Dank der differenzierten Artikulation des Ensembles beeindruckte in der Gegenüberstellung die feine Dramaturgie dieses Notturnos für zwei Orgelleiern und Ensemble, das Haydn für den König Ferdinand IV. von Neapel geschaffen hat. Intensität erzeugte das Ensemble auch in der Zugabe des Adagios aus Haydns achtem Notturno Hob. II:27.
Innenwelten
Nächtliche Stimmungen evozierten hingegen die jüngeren Kompositionen des Abends. Arthur Footes «Nocturne and Scherzo» aus dem Jahr 1918 steht mit schwülstigen Melodien in der romantischen Tradition, deren Spuren auch im «Nocturne» des Tschechen Jindřich Feld aus dem Jahr 2002 feststellbar sind. Hier nun aber in einer gesteigerten Expressivität am Rande des tonalen Spektrums, die in der Ruhe einer Winternacht einen starken Eindruck hinterliess.
Zürich, Kulturhaus Helferei, 19. Dezember.